
Daniel sitzt mir gegenüber, 15 Jahre alt, neugierig, clever. Er versteht sehr schnell - und zweifelt auch ebenso schnell. Gut so, denn genau diese Kombi führte zu einer Frage,
die echten Impact auslöste.
Wir haben im Lerncoaching mit KI gearbeitet: Lernstoff zusammengefasst, Beispiele generieren lassen, Lernstrategien ausprobiert. Ziel war, herauszufinden, wie KI ihn beim Lernen unterstützen kann.
The Big Four fürs Lernen mit KI
Wann immer das Thema "Lernen mit KI" im Lerncoaching aufkommt, bringe ich die - aus meiner Sicht - wichtigsten vier Regeln bzw. Schritte ins Spiel. Daniel kannte sie schon:
- Erst selbst denken.
- Einen guten, klaren Prompt formulieren.
- Das Ergebnis prüfen.
- Das Ergebnis anpassen, überarbeiten.
Er nickte. Und dann kam die Frage:
„Aber wie genau soll ich das überprüfen?“
Für einen Moment sagte ich nichts. Weil mir bewusst wurde, wie bedeutsam diese Frage ist. Und zugleich wie wenig selbstverständlich.
Ich arbeite als Lerncoach viel mit Jugendlichen, die KI ganz selbstverständlich nutzen. Für Hausaufgaben, fürs Wiederholen, fürs Abfragen, zum Verstehen oder zur Vorbereitung.
Die Regel „erst selbst denken“ ist für mich dabei v.a. eine Lernstrategie. Denn nur wer eine eigene Idee hat, kann überhaupt vergleichen und merken, wenn etwas nicht passt.
KI-Sprachmodelle liefern zwar oft kluge Antworten, aber Lernen entsteht genau dort, wo Menschen beginnen, diese Antworten einzuordnen. Das ist eine Herausforderung.
Also habe ich dieses überall geforderte "Prüfen" mal genauer unter die Lupe genommen.
1. Was kann ich überhaupt prüfen?
Viele denken beim Prüfen sofort an richtig oder falsch. Dabei gibt es viel mehr Ebenen und die darf man sich bewusst machen:
- Fakten: Stimmt das Datum, das Fachwort, die Formel?
- Logik: Ist die Erklärung schlüssig oder widerspricht sie sich?
- Vollständigkeit: Fehlt etwas Wichtiges?
- Passung: Beantwortet die Antwort wirklich meine Frage?
- Sprache: Klingt es sehr sicher, aber bleibt vage?
Im Lerncoaching versuche ich zu vermitteln: „Du prüfst nicht die KI, du prüfst dein eigenes Verständnis.“ Wir beginnen fast immer zunächst mit den Fakten.
2. Woran erkenne ich eigentlich Fakten?
Mich erstaunt immer wieder, dass sich viele Jugendliche (und Erwachsene) schwer tun, überprüfbare Informationen zu erkennen. Dieses Erkennen brauchen wir jedoch, denn das ist ja die Voraussetzung für einen Fakten-Check.
Ich hätte vermutet, dass diese Kompetenz mittlerweile flächendeckend in der Schule vermittelt wird, gerade weil KI oft so überzeugend formuliert. Der "eloquente" Ton sagt aber bekanntlich nichts aus über die Richtigkeit.
Nehmen wir als Beispiel den 1. Weltkrieg:
💬 "Der erste Weltkrieg fand von 1914 bis 1918 statt".
Diese Aussage lässt sich ...
-
im Geschichtsbuch nachlesen
-
in mehreren, voneinander unabhängige Quellen finden
-
eindeutig als richtig oder falsch überprüfen
➡️ Das ist also ein überprüfbarer Fakt.
💬 „Der erste Weltkrieg begann unter anderem, weil das Attentat von Sarajevo bestehende politische Spannungen zwischen den europäischen Großmächten eskalieren ließ.“
Diese Aussage erklärt ...
- warum etwas passiert ist
- fasst Ursachen zusammen
- ist plausibel, und auch deutend
Man kann sie nachvollziehen, vergleichen, vertiefen, aber nicht so einfach „abhaken“ wie einen Fakt.
➡️ Das ist also eine Erklärung mit hohem Fakten-Anteil.
💬 „Das Attentat von Sarajevo war der entscheidende Auslöser des Ersten Weltkriegs.“
Hier wird ...
- bewertet (entscheidend)
- eine Perspektive eingenommen
- eine historische Deutung vertreten
Andere Historiker:innen würden vielleicht sagen: „Es war eher der letzte Funke in einem ohnehin hochexplosiven System.“
➡️ Das ist also eher eine Einschätzung.
Wir sehen, dass das Überprüfen eine ziemlich komplexe Geschichte ist, die viel Hirnschmalz erfordert. Im Lerncoaching versuche ich es etwas klarer zu machen:
- Fakten kannst du nachschlagen.
- Erklärungen liefern dir das Verstehen.
- Einschätzungen darfst du hinterfragen und nach anderen Varianten suchen.
Wenn man das einmal heraushat, dann fördert allein dieses Sortieren von KI-Antworten das Lernen an sich und zugleich die KI-Kompetenz.
3. Wie überprüfe ich KI-Ergebnisse?
Jetzt wird es praktisch. Ich ermutige dazu, mehrere Wege zu nutzen:
-
In die Originalquelle schauen:
Schulbuch, Arbeitsblatt, Skript, offizielle Website, Wikipedia ...
-
Zwei Quellen vergleichen:
Sind sie unabhängig voneinander? Stimmen sie überein? Wo unterscheiden sie sich?
-
Lehrer:innen, Expert:innen, Dozent:innen fragen:
Nicht aus Unsicherheit, sondern aus Lerninteresse
-
A/B-Test machen:
Den selben Prompt in verschiedene KI-Systeme geben, z.B. ChatGPT, Claude, Gemini und vergleichen
-
Eigene Logik nutzen:
Ergibt das für mich Sinn? Könnte das so sein? Ist das plausibel?
-
Die KI selbst hinterfragen lassen:
„Bitte nenne mir überprüfbare Quellen.“
„Gibt es eine noch andere Erklärungen?“
"Wie noch könnte man die Situation einschätzen?"
Prüfen ist kritisches Denken.
Fazit: Kritisches Denken / Prüfen von KI-Ergebnissen befeuert das Lernen
Die Frage von Daniel hat mich wirklich beschäftigt. Weil sie zeigt, wie wichtig es ist, zu wissen wie man die eigene Urteilskraft stärken und nutzen kann.
Lernen mit KI macht sichtbar, was Lernen immer schon war: Ein aktiver Prozess zwischen Mensch, Wissen und Werkzeug.
Auch mein eigener Prüf-Vorgang von KI-Ergebnissen ist seit dieser Frage sehr viel strukturierter geworden. Und lässt mich immer wieder erschauern, wie viel Blödsinn von KI verbreitet wird, den ich ohne Prüfung gar nicht erkannt hätte.
Lasst uns kritisch bleiben!
