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Warum Autonomie Lernen leichter macht – und Motivation nicht verordnet werden kann

 

Vor einigen Monaten durfte ich mal wieder über mich selbst schmunzeln. Seit es zoom gibt, nutze ich es als Online-Seminarraum, weil es nach meinen Erfahrungen am stabilsten, vielfältigsten und intuitivsten zu nutzen ist - bis heute.

 

Tatsächlich bin ich bis heute um MS Teams "herumgekommen", auch wenn es in einigen Unternehmen - aus verschiedenen Gründen - eigentlich fix vorgeschrieben war. Ich konnte bisher alle von zoom überzeugen.

 

 

Und manchmal überkommt mit der Wunsch aus meinen eigenen, lieb gewordenen Mustern auszubrechen - und zwar als ich allen Ernstes überlegte, ob ich einen gut dotierten Auftrag ablehnen sollte, nur weil MS Teams gewünscht war.  Ich konnte dann zwar den Auftraggeber von zoom überzeugen und zugleich kam mir das total kindisch vor. 

Mich freiwillig für etwas entscheiden, was ich zuvor ablehnte - machte den Unterschied


Schließlich entschied ich selbst, diesmal mit MS Teams zu arbeiten. Nicht, weil jemand es von mir verlangte. Sondern weil ich plötzlich neugierig geworden war, was sich technisch alles getan hat. So dachte ich: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.

 

Was dann geschah, überraschte mich. Plötzlich machte es mir Freude, die Möglichkeiten von Teams zu entdecken. Ich schaute Tutorials an, probierte verschiedene Funktionen aus, testete Breakout-Räume, Whiteboards und diverse Einstellungen. Die Software hatte sich fast nicht verändert. Verändert hatte sich jedoch meine Haltung.

 

 

Diese Erfahrung beschäftigt mich bis heute, weil sie etwas sichtbar gemacht hat, das ich in meinen Seminaren immer wieder beobachte. Motivation entsteht erstaunlich oft genau dort, wo Menschen erleben, dass sie selbst entscheiden dürfen.

Autonomie gehört zu unseren psychologischen Grundbedürfnissen


Diese Beobachtung deckt sich mit einer der bekanntesten Motivationstheorien der Psychologie: der Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory) von Edward L. Deci und Richard M. Ryan.

 

Seit den 1970er Jahren erforschen die beiden Psychologen die Frage, wodurch Menschen dauerhaft motiviert lernen, arbeiten und sich weiterentwickeln. Ihre Forschung zeigt, dass nachhaltige Motivation wesentlich davon abhängt, ob drei psychologische Grundbedürfnisse erfüllt werden:

 

  • Autonomie: das Erleben, selbst Einfluss auf das eigene Handeln zu haben.
  • Kompetenz: das Gefühl, Herausforderungen bewältigen und sich weiterentwickeln zu können.
  • Soziale Eingebundenheit: das Erleben, dazuzugehören und sich mit anderen verbunden zu fühlen.

Gerade das erste Bedürfnis wird häufig missverstanden. Autonomie bedeutet nicht, alles allein machen zu müssen oder keinerlei Vorgaben zu akzeptieren. Sie beschreibt vielmehr das Erleben, Urheber:in der eigenen Handlung zu sein. Auch wenn äußere Rahmenbedingungen bestehen, gibt es immer einen gewissen Selbstbestimmungsfreiraum - diesen zu erkennen und zu nutzen, macht einen entscheidenden Unterschied.

 

Zahlreiche Studien zeigen inzwischen, dass autonom motivierte Menschen ausdauernder lernen, kreativer arbeiten, Rückschläge besser bewältigen und neues Wissen nachhaltiger anwenden können. Motivation lässt sich eben nicht verordnen. Sie wächst dort, wo Menschen erleben, dass ihre eigene Entscheidung zählt.

 

Was das für das Trainings-Design bedeutet

Wenn ich Trainings konzipiere, versuche ich genau dies zu berücksichtigen. Ich frage mich, wie ich es möglich sein kann, dass die Teilnehmenden eine Wahl haben ...

  • was gelernt wird.
  • wie gelernt wird.
  • wann gelernt wird.
  • mit wem gelernt wird.
  • wie lange gelernt wird.

Natürlich brauchen Seminare Struktur, denn diese bieten Orientierung und diese gibt Sicherheit. Niemand möchte sich in einem Training ständig fragen, was als Nächstes wohl passieren wird oder worauf alles hinauslaufen soll. Doch zwischen klarer Struktur und völliger Fremdbestimmung liegt ein Gestaltungsspielraum.

Genau den versuche ich zu nutzen und zwar v.a. bei Workshops und Seminaren, die nicht so beliebt sind oder gar Pflichtveranstltungen sind.

 

Je mehr echte Wahlmöglichkeiten entstehen, desto häufiger beobachte ich, wie aus anfänglicher Zurückhaltung echtes Interesse wird.

 

Fünf Möglichkeiten, Autonomie im Seminar erlebbar zu machen


Autonomie entsteht nicht erst durch große Freiheiten. Oft reichen kleine Entscheidungen, die den Teilnehmenden zeigen: Deine Perspektive ist hier wichtig, deine Bedürfnisse werden gesehen.

 

1. Die Seminarform mitgestalten

Nicht jedes Thema verlangt dieselbe Lernumgebung und nicht jeder Mensch lernt unter denselben Bedingungen am besten. Wenn organisatorisch Spielraum besteht, können Wahlmöglichkeiten bereits vor dem Seminar beginnen.

 

Zum Beispiel durch die Entscheidung zwischen Präsenz- oder Online-Teilnahme, durch hybride Formate oder durch ergänzende Selbstlernphasen, die zeitlich flexibel bearbeitet werden können. Allein diese Entscheidung verändert häufig die innere Haltung gegenüber dem Lernen.

 

2. Unterschiedliche Begleitangebote anbieten

Auch nach einem Seminar unterscheiden sich die Bedürfnisse erheblich. Die einen möchten sich in einer Peer-Learning-Gruppe weiter austauschen. Andere wünschen sich ein individuelles Follow-up. Wieder andere arbeiten lieber mit kurzen Lernimpulsen oder Reflexionsaufgaben, die sie in ihren Arbeitsalltag integrieren können.

 

Nicht jedes Angebot passt zu jeder Person. Gerade deshalb wirkt Auswahl oft motivierender als ein verpflichtendes Standardprogramm.

 

3. Verschiedene Lernwege ermöglichen

Ein gutes Trainingsdesign muss nicht bedeuten, dass alle Menschen denselben Weg gehen. Warum nicht verschiedene Praxisfälle zur Bearbeitung anbieten? Warum nicht unterschiedliche Vertiefungsthemen zur Auswahl stellen? Warum nicht entscheiden lassen, mit welchem Thema begonnen wird?

 

Das gemeinsame Lernziel bleibt erhalten. Der Weg dorthin darf durchaus unterschiedlich aussehen. Diese Freiheit stärkt häufig das Gefühl von Eigenverantwortung.

 

4. Unterschiedliche Übungsformen zulassen

Auch beim Üben lohnt sich Vielfalt. Manche Menschen denken schreibend. Andere entwickeln ihre Ideen im Gespräch. Wieder andere lernen am besten, indem sie etwas praktisch ausprobieren. Wenn Reflexionsaufgaben, Gruppenarbeiten, Praxisübungen oder kurze Einzelarbeiten nebeneinander bestehen dürfen, erleben Teilnehmende ihren eigenen Lernstil nicht als Hindernis, sondern als Ressource.

 

5. Wahl der Übungs-Partner:innen bewusst gestalten

Kaum eine Entscheidung wirkt so klein und hat gleichzeitig so große Auswirkungen wie die Frage: Mit wem arbeite ich als nächstes zusammen? Freie Partnerwahl schafft Sicherheit und Vertrautheit. Das Zufallsprinzip bringt neue Perspektiven und unerwartete Begegnungen. Besonders spannend finde ich eine Mischung aus beiden Möglichkeiten.

 

Zum Beispiel, indem zunächst kleine Gruppen zufällig entstehen und sich die Teilnehmenden innerhalb dieser Gruppe ihre:n Übungspartner:in selbst auswählen.

Auch hier geht es nicht darum, krampfhaft möglichst viele Wahlmöglichkeiten anzubieten. Es geht darum, Menschen erleben zu lassen, dass ihre Entscheidung einen Platz hat.

Motivation beginnt und wächst mit autonomen Entscheidungen - lasst uns dies nutzen!


Mein Erlebnis mit MS Teams hat mich an etwas erinnert, das ich theoretisch natürlich längst wusste und dennoch erst durch die eigene Erfahrung wirklich verstanden habe.

 

Menschen verändern sich selten, weil sie gute Argumente hören. Sie verändern sich häufiger dann, wenn sie erleben, dass sie selbst eine Entscheidung treffen dürfen. Vielleicht unterschätzen wir deshalb manchmal die Bedeutung von Autonomie.

 

Wir investieren viel Zeit in Inhalte, Methoden, digitale Tools oder didaktische Konzepte. All das ist wichtig. Gleichzeitig entscheidet oft eine viel grundlegendere Frage darüber, ob Lernen in Bewegung kommt: Erleben Menschen ihren Lernprozess als etwas, das sie selbst mitgestalten dürfen?

 

Diese Frage begleitet mich seit vielen Jahren bei der Konzeption von Trainings. Meist gehe ich nach Beendigung der Konzeption noch einmal mit dem "Besen der Autonomie" über das Design und füge hier und da weitere Wahlmöglichkeiten hinzu.

👉🏼 Lust, Autonomie in deine Trainings zu integrieren?


Möchtest du dein Trainingsdesign bzw. deine Kompetenzen um solch einen Gedanken im Sparring erweitern? Ich erarbeite gerne mit dir für dich und deine Zielgruppen passende Wahlmöglichkeiten. 

 

Bietest du eine Trainer:innen Ausbildung an und möchtest sie um das Thema "Autonomie beim Lernen" erweitern - ich komme gerne als Gast-Trainerin dazu.

 

Und natürlich ist das auch Thema bei den Train-the-Trainer, die wir inhouse (und offen) anbieten.

 

Sprich mich gerne an und sende mir eine E-Mail für einen ersten Kontakt.