"Am allermeisten lerne ich, wenn ich direkt im Tun bin. Wenn ich für ein akutes Problem eine Lösung brauche, sie finde und dann gleich anwende!".
So hatte es eine Teilnehmerin in einem Seminar formuliert. Und eine andere erwiderte: "Bei mir ist das nicht so: ich hab dann zwar das Problem gelöst, aber beim nächstem Mal hab ich es schon wieder vergessen!"
Diese beiden Rückmeldungen zeigen sehr schön, in welchem Spannungsfeld sich "Learning on the Job" oder "Learning in the moment of need" oder auch "deskless Learning" bewegen.
Was ist durch Deskless Learning möglich?
Der Begriff Deskless Learning legt zunächst nahe, dass es vor allem um das Lernen ohne klassischen Arbeitsplatz bzw. Lernplatz geht. Gemeint ist jedoch mehr als das. Es beschreibt eine Form des Lernens, die sich zunehmend vom festen Weiterbildungs-Rahmen löst und stattdessen unmittelbar im Arbeitsfluss stattfindet. Lernen wird ausgelöst durch eine konkrete Situation, durch ein Problem oder durch eine Aufgabe, die gerade bewältigt werden muss.
Die enge Verbindung von Lernen und Handlung wird in der Lernforschung schon lange betrachtet. Ansätze wie das „Situated Learning“ (nach Jean Lave) gehen davon aus, dass Lernen besonders wirksam ist, wenn es in reale Kontexte eingebettet ist. Auch das Konzept des „Learning in the workflow“(Josh Bersin) folgt diesem Prinzip. Viele sehen darin die Zukunft des Lernens, v.a. wenn zunehmend KI dafür genutzt wird.
Nehmen wir folgendes Szenario: ich führe gerade ein Telefonat, bei dem sich eine Kundin beschwert. Da ich schon morgens meinen KI-Lernassistenten aktiviert habe, bekomme ich nach dem Gespräch von der KI ein Signal, dass hier eine Lernchance vorliegt: Sie gibt mir den Hinweis, dass es gut wäre, das Telefonat kurz zu reflektieren. Sie stellt mir Fragen, die mich die Situation gut aufarbeiten lassen. Zusätzlich schildert sie mir ihren Eindruck, nämlich dass ich zu wenig sachlich und zu kompliziert kommuniziert hätte und sie schlägt mir einige alternative Formulierungen vor".
Auch wenn ich in diesem Falle dabei sehr wohl an einem Tisch sitze - jedoch nicht in einem Seminarraum (!), beschreibt es genau das grundsätzliche Konzept dahinter: Lernen passiert genau dann, wenn es notwendig ist, es ist situativ und hoch-relevant. Genau darin liegt seine Stärke.
Kann deskless Learning nachhaltig sein?
Gleichzeitig entsteht jedoch eine Ambivalenz, denn Lernen, das im Moment des Bedarfs stattfindet, hat eine unmittelbare Qualität. Es ist konkret, anschlussfähig und wird direkt wirksam. Viele Lernprozesse werden auf den ersten Blick effizienter, weil sie eben nicht mehr "auf Vorrat" stattfinden. Gleichzeitig zeigt die Forschung auch, dass dieses Lernen nicht ausreicht.
So macht u.a. John Sweller mit der Cognitive Load Theory deutlich, dass unser Arbeitsgedächtnis nur begrenzt belastbar ist. Wenn wir in einer konkreten Situation handeln und gleichzeitig neue Informationen verarbeiten, kann es passieren, dass Inhalte zwar kurzfristig genutzt, aber nicht nachhaltig verankert werden.
Auch Donald Schön unterscheidet zwischen Reflexion im Handeln und Reflexion nach dem Handeln. Während Deskless Learning das Denken im Moment stark unterstützt, gerät die nachgelagerte Reflexion leicht in den Hintergrund. Gerade sie ist jedoch entscheidend dafür, dass aus einzelnen Erfahrungen ein tieferes Verständnis entsteht.
Das bedeutet, dass es eine bewusste Auseinandersetzung mit dem größeren Zusammenhang braucht. Das Nachdenken darüber, warum etwas funktioniert, wie es mit anderem Wissen zusammenhängt oder in welchen Situationen es sich übertragen lässt, findet beim deskless Learning nur begrenzt statt.
Daraus ergibt sich eine Frage:
Wenn Lernen vor allem dann passiert, wenn wir etwas lösen müssen, wann entsteht dann das Verständnis, das über die konkrete Situation hinausgeht?
Bedeutung für das Lerndesign
Wenn Wissen jederzeit verfügbar ist und Lernen überall ermöglicht wird, entsteht leicht die Annahme, dass es nicht mehr notwendig ist, sich länger mit einem Thema zu beschäftigen. Doch genau hier zeigt sich eine Grenze. Verstehen entwickelt sich selten allein durch schnellen Zugriff auf Informationen oder unmittelbare Tipps, sondern durch die Möglichkeit, sich tiefer mit ihnen auseinanderzusetzen, sie einzuordnen und in Beziehung zu setzen.
Für das Lerndesign bedeutet das, dass es nicht ausreicht, Inhalte möglichst schnell und passgenau bereitzustellen. Es stellt sich vielmehr die Frage, wie Lernangebote gestaltet sein können, die neben der unmittelbaren Unterstützung auch Raum für Vertiefung lassen.
Für HR- und L&D-Verantwortliche ergibt sich daraus eine doppelte Perspektive. Einerseits geht es darum, Lernangebote so zu gestalten, dass sie im Moment unterstützen. Andererseits braucht es bewusst gestaltete Räume, in denen Lernen wieder sichtbar und reflektierbar wird - etwa durch Lerncoaching-Formate, Peer-Austausch oder strukturierte Reflexionsimpulse.
Lernen ist mehr als die Lösung eines konkreten Problems. Es umfasst auch das Verstehen von Zusammenhängen, das Entwickeln von Orientierung und die Fähigkeit, Wissen flexibel zu übertragen.
Die Herausforderung besteht daher weniger darin, sich für eine der beiden Perspektiven zu entscheiden, sondern darin, beide miteinander zu verbinden. Es geht darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen sowohl das schnelle Handeln im Moment als auch das vertiefte Nachdenken darüber möglich sind.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Qualität eines zeitgemäßen Lerndesigns: nicht in der Maximierung von Effizienz, sondern in der klugen Ausgewogenheit zwischen Anwendung und Verstehen.
Wir unterstützen gerne bei der Gestaltung einer komplexen Lern-Architektur
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