
Mia kommt ins Lerncoaching, weil sie überfordert ist mit der Planung der vielen verschiedenen Fächer bis zur Zwischenprüfung. Wie soll sie diesen Berg bewältigen und wie soll sie eine vernünftige Struktur schaffen, die auch wirklich klappt? Alle bisherigen Pläne hat sie innerhalb kürzester Zeit wieder verworfen. Aber ohne geht es ihrer Ansicht nach nicht.
Ein typisches Anliegen, das wir alle sicherlich kennen. Im Lerncoaching setzen wir nicht nur auf der rein planerischen Ebene an, sondern beziehen die emotionale Komponente mit ein. Nur dies macht Lernpläne wirklich erfolgreich.
Was tun, wenn Lernpläne "abturnen"?
Noch bevor wir richtig loslegen, sagt Mia, dass sie hier ist, um einen richtig guten Lernplan mit mir zu entwickeln. Mit gezücktem Stift und geöffneten Kalender schaut sie mich erwartungsvoll an. Als ich sie frage, wie gut Lernpläne bisher funktionierten, antwortet sie: "Schlecht". Sie mache zwar wirklich gute Pläne, halte sie aber nie ein. Ich bitte sie, mir zu erklären, wie ich mir so einen Plan vorstellen kann.
"Ich trage mir jeden Tag eine Lernphase ein und abends merke ich, dass es doch nicht funktioniert, d.h. dass ich einfach nicht gelernt habe." Im Gespräch verrät sie, dass sie zwar bestimmte Themen den Lernphasen hinzufügt, aber keine konkreten Aufgaben oder Ziele. Weil sie diese ja eh nicht erreiche und sie das dann total abturnt. Da habe sie noch mehr das Gefühl zu versagen.
Die emotionale Komponente von Plänen berücksichtigen
Statt gleich mit einem Action-Plan loszulegen, finden wir heraus, WIE der Plan sein muss, damit er sich gut anfühlt. Die innerliche Frage "Hä? Ein Plan soll sich gut anfühlen?" kann ich geradezu in ihrem Gesicht ablesen.
Ich beginne damit, sie zu fragen, wie die Zukunft innerlich repräsentiert ist und ob es dabei einen Unterschied zwischen schönen und nicht so tollen zukünftigen Ereignissen gibt. Gibt es. Naturgemäß sieht sie sich z.B. lachend mit Freunden in einer Bar sitzen (Verabredung nächsten Freitag) und dann in düsterer Atmosphäre am Schreibtisch Fachbegriffe pauken (Lernphase Dienstag Nachmittag). Kein Wunder, dass der Lernplan keine Lust auf Umsetzung macht.
Wir probieren verschiedene Detailliertheitsgrade von Lerneinheiten aus: festgelegte Zeiten mit klaren Lernzielen und genau definierten ToDos etc. findet sie kognitiv zwar hilfreich und entlastend aber zugleich auch unglaublich einengend.
Schnell wird klar: der Plan muss konkret sein und zugleich Flexibilität zulassen. Zudem verknüpft Mia vor dem inneren Auge einladende Bilder zu den Lern-Aufgaben, was ihre Zuversicht, den Plan einzuhalten, deutlich erhöht.
ToDos und Zeitbudget ermitteln
Bis zur nächsten Lerncoaching-Stunde findet Mia heraus, was sie bis wann alles können muss, wann neuer Lernstoff hinzukommt und wie viel Zeit ihr insgesamt (in Stunden) dafür zur Verfügung steht. Sie ermittelt anhand der letzten drei Wochen, wie viel Lernzeit ihr überhaupt zur Verfügung steht und zwar so, dass sie auch noch genug Zeit für sich, ihre Freund:innen und ihr wichtigstes Hobby (Töpfern) hat. Von dieser Zeit ziehen wir 25% als Pufferzeit ab. Anschließend checken wir noch einmal ab, ob sich dieses Zeitbudget gut anfühlt. Nach einer kleinen Anpassung passt es für Mia.
Die konkrete Planung
Dann kommt der ganz praktische Teil. Alle Aufgaben bekommen ein Zeitbudget zugewiesen, Wochenziele werden festgehalten und Tagesziele immer am Tag zuvor festgelegt. Diese verknüpft sie mit positiven inneren Bildern. Genau diese Mischung aus Orientierung und Flexibilität passt bestens zu Mia.
In Kombination mit der Pomodoro-Technik (kurze Voll-Power-Einheiten) steigt die Lust, den Plan umzusetzen, deutlich an. Trotzdem gehen wir noch die WOOP Methode durch, indem wir für mögliche Hindernisse (z.B. spontane Verabredungen, unerwarteter neuer Lernstoff) je drei Lösungsstrategien entwickeln - für den Fall der Fälle.
Und zum Schluss bekommt sie noch drei Schweinehund-Karten von mir. Die kann sie ziehen, wenn sie Null Bock hat. Dann muss sie weder sich (!) noch anderen erklären, weshalb sie heute nichts tun wird - sie erlaubt sich dann, frei zu haben. Auch das zahlt in ihr großes Autonomie-Bedürfnis ein.
Fazit: warum Pläne-Erstellen mehr als Aufgabenverteilen ist
Pläne erstellen benötigt Fingerspitzengefühl, weil Emotionalität genauso berücksichtigt werden muss wie strategische Überlegung. Die genau richtige Gratwanderung zwischen Orientierung / Klarheit und Autonomie / Freiheit zu finden, braucht meist ein bisschen Zeit zur Erprobung im Alltag.
Dies kann natürlich kein Lerncoach vorgeben, sondern wir führen durch den Prozess, damit beides seinen Platz findet. Dadurch sorgen wir für Selbstwirksamkeit und Selbstcoaching-Kompetenzen.
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