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Wenn die Zukunft einen Stuhl bekommt – unsichtbare Teilnehmende im Workshop


Die fiktive Frau Kammergruber war hier die "Frau JA-Aber"
Die fiktive Frau Kammergruber war hier die "Frau JA-Aber"

 

In vielen meiner Seminare steht ein zusätzlicher Stuhl im Raum, auf dem niemand sitzt und der trotzdem ein Namensschild hat. Das kann der Platz von „Frau Ja-Aber“, oder von „der Customer Persona Lea“, oder auch von „Lion, der Schüler aus dem Jahr 2040“ oder sogar der Stuhl von der „Demokratie“ sein.

 

Fast immer entwickelt dieser leere Stuhl im Laufe des Tages eine erstaunliche und wichtige Präsenz.

Wer sind unsichtbare Teilnehmende?


Über die Jahre habe ich festgestellt, dass in meinen Workshops oder Trainings immer wieder bestimmte Perspektiven fehlen:

  • Die Menschen, die von Entscheidungen betroffen sind, sitzen nicht mit am Tisch.
  • Die Kundin, für die ein Angebot entwickelt wird, ist nicht da.
  • Die Personen, für die ein Konzept entstehen soll, fehlen.
  • Die Zukunft kann sich in Visions-Workshops - logischerweise - nicht zu Wort melden.
  • Eine Haltung, wie z.B. die "Frau Ja-Aber", ist mittendrin im Geschehen und blockiert neue Ansätze.
  • Der berühmte Elefant im Raum, der zwar spürbar anwesend sind, aber den niemand ausspricht. 

Genau dafür finde ich das Sichtbarmachen von unsichtbaren Stimmen unglaublich hilfreich.

Ziel: Abwesende sichtbar machen


Die Grundidee ist eigentlich ganz simpel: Was wichtig ist, wird sichtbar und bekommt einen Platz, z.B. indem ein Stuhl beschriftet wird.

  • Aus einer abstrakten Zielgruppe wird somit eine Person mit einem Namen.
  • Aus einer diffusen Ablehnung wird „Frau Ja-Aber“.
  • Aus einer ungewissen Zukunft wird ein junger Mensch, der im Jahr 2040 mit den Folgen unserer heutigen Entscheidungen lebt.

Plötzlich sitzt etwas im Raum, das vorher nur als Gedanke, Haltung, Glaubenssatz oder abstraktes Konzept existiert hat.

 

Diese Methode funktioniert deshalb so gut, weil unser Gehirn konkrete Bilder liebt. Mit abstrakten Begriffen können wir zwar arbeiten, doch wir verlieren sie auch schnell aus dem Blick. Sobald etwas jedoch einen Platz (im wahrsten Sinne des Wortes!) bekommt, verändert sich unsere Aufmerksamkeit.

 

Der freie Stuhl erinnert uns daran, dass da noch jemand ist, dessen Perspektive berücksichtigt werden möchte. Was vorher eher nebenbei gedacht wurde, rückt dadurch immer wieder ins Zentrum.

Unsichtbares von Beginn an in den Raum holen


Meistens habe ich diese "Unvisible Perspectives" bereits bei der Konzeption des Seminars im Kopf. Und wenn ich es methodisch wichtig finde, dass diese eine "Gestalt" bekommen, steht von Beginn an ein beschrifteter Stuhl im Raum. Z.B. die "Zukunft" oder die "Frau Ja-Aber", weil ich vor einem bestimmten Aspekt in der Gruppe gewarnt wurde (z.B. dass es generelle Skepsis gegenüber der Umsetzbarkeit von neuen Ideen gibt).

 

Ich führe sie meist zu Beginn ein und kündige an, dass sie eine Rolle spielen werden. Dann nehme ich auf diese immer wieder Bezug und frage nach: was würde denn die Zukunft zu diesem Thema sagen? Oder spricht hier gerade die Frau Ja-Aber?

 

Manchmal installiere ich diesen Platz erst während des Seminars, weil plötzlich ein Thema aufkommt, das eine Gestalt braucht (z.B. der Elefant im Raum).

 

 

In Kontakt treten mit den Unsichtbaren


Besonders spannend wird es, wenn die Gruppe beginnt, mit diesen unsichtbaren Stimmen von sich aus zu interagieren. Dann sprechen wir nicht mehr nur über die Kundin, sondern fragen sie direkt: „Lea, was würdest du dazu sagen?“.

 

Wir diskutieren dann nicht länger allgemein über mögliche Widerstände, sondern wenden uns an Frau Ja-Aber und überlegen gemeinsam, welche berechtigten Bedenken sie vielleicht mitbringt. 

 

Manchmal frage ich die Teilnehmenden auch, was z.B. die Demokratie wohl von einer bestimmten Entscheidung halten würde oder welche Fragen ein Schüler aus dem Jahr 2040 an uns stellen könnte.

 

 

Fast immer entstehen dabei Gedanken, die vorher nicht im Raum waren. Das direkte Ansprechen macht tatsächlich einen Unterschied. Denn wir reden dann nicht mehr über etwas Abstraktes, sondern treten in einen imaginären Dialog. Dadurch wird diese Perspektive greifbarer und präsenter.

 

Die Gruppe beginnt automatisch, Bedürfnisse, Interessen und mögliche Auswirkungen stärker mitzudenken.

Den Platz und die Sichtweise einnehmen


Noch wirkungsvoller wird es, wenn jemand aus der Gruppe tatsächlich auf dem entsprechenden Stuhl Platz nimmt. Wer sich z.B. auf den Stuhl von Lea setzt, verlässt für einen Moment die eigene Sichtweise und versucht, die Welt durch die Augen dieser anderen (fiktiven) Person zu betrachten.

 

Natürlich geschieht das nie vollständig. Niemand wird in wenigen Minuten wirklich zur Kundin, zum Jugendlichen der Zukunft oder zur Stimme der Skepsis.

 

Und doch passiert immer wieder etwas Bemerkenswertes: Das Hineinfühlen fällt leichter. Die Perspektive bekommt Klarheit, Empathie wird erlebt und nicht nur gedacht.

 

Ich beobachte dabei immer wieder, wie sich die Art der Gespräche verändern. Die Teilnehmenden stellen Fragen, die sie sich aus ihrer eigenen Rolle heraus nicht gestellt hätten. Sie entdecken Bedürfnisse, die zuvor unsichtbar waren. Sie erkennen Zusammenhänge, die in einer rein sachlichen Diskussion leicht verloren gehen.

 

Der Perspektivwechsel wird körperlich erfahrbar, und genau darin liegt meines Erachtens die besondere Stärke dieser Methode. Sie lädt nicht nur zum Nachdenken ein, sondern auch zum Einfühlen.

Wenn der Elefant einen eigenen Stuhl bekommt


Auch schwierige Themen lassen sich auf diese Weise oft besser bearbeiten. Der sprichwörtliche Elefant im Raum ist dafür ein gutes Beispiel. Solange niemand ihn anspricht, nimmt er erstaunlich viel Platz ein. Er beeinflusst Entscheidungen, Diskussionen und Stimmungen, ohne wirklich greifbar zu werden.

 

Bekommt er jedoch einen eigenen Stuhl, verändert sich etwas. Dabei muss er gar nicht benannt werden, er hat nur einen Platz gefunden. Plötzlich kann die Gruppe ihn anschauen und ihn befragen. Man kann überlegen, was er braucht, warum er überhaupt da ist und welche Botschaft er vielleicht mitbringt. Der Elefant verschwindet dadurch zwar nicht, aber er verliert häufig einen Teil seiner Wucht, weil aus einem diffusen Gefühl etwas geworden ist, das betrachtet und besprochen werden kann.

 

Ähnlich erlebe ich es mit „Frau Ja-Aber“. In vielen Gruppen existiert diese Stimme ohnehin. Sie äußert Zweifel, verweist auf Risiken und erklärt, warum etwas nicht funktionieren könnte. Oft wird versucht, sie zu übergehen oder kleinzuhalten.

 

Meine Erfahrung ist jedoch, dass sie dadurch eher lauter wird. Bekommt sie dagegen einen eigenen Platz, kann sie gehört werden oder auch in die zweite Reihe gerückt werden. Ihre Hinweise werden ernst genommen. Und gleichzeitig kann die Gruppe bewusst entscheiden, wann andere Stimmen mehr Raum bekommen sollen.

Ein freier Stuhl voller Möglichkeiten


Für mich ist das eine sehr einfache und zugleich unglaublich wirkungsvolle Methode, um Sichtweisen, Einstellungen, Bedürfnisse oder Fragen von Menschen oder Themen, die nicht im Raum sind, auf besondere Weise sichtbar und nachfühlbar zu machen. 

 

Der freie Stuhl gibt Perspektiven eine Gestalt, schafft Raum für Empathie und macht Dialoge möglich, die sonst nie stattfinden würden.

 

Übrigens: Auf dem Happy Learning Summit haben wir die "Community" als Gästin eingeladen, um noch mehr Ideen dafür zu entwickeln, wie gegenseitige Unterstützung und Austausch auf Augenhöhe wachsen kann.  

  

❓Hattest du  auch schon einmal solch imaginäre Teilnehmende eingeladen? Was sind deine Erfahrungen damit? Ich würde mich sehr freuen, mehr darüber zu erfahren - ich bin immer neugierig auf Umsetzungsvarianten. 

👉🏼 Lust, solche Methoden in deine Trainings zu integrieren?


Möchtest du dein Trainingsdesign bzw. deine Kompetenzen um solch eher ungewöhnliche Methoden im Sparring erweitern? Ich erarbeite gerne mit dir für dich und deine Zielgruppen passende "Stühle". 

 

Bietest du eine Trainer:innen Ausbildung an und möchtest sie um das Thema "ungewöhnliche Methoden" erweitern - ich komme gerne als Gast-Trainerin dazu.

 

Und natürlich ist das auch Thema bei den Train-the-Trainer, die wir inhouse (und offen) anbieten.

 

Sprich mich gerne an und sende mir eine E-Mail für einen ersten Kontakt.