
Vor ein paar Monaten erzählte mir eine Kundin stolz, dass sie die firmen-interne Online-Academy nun an den Start gebracht haben. Es sei ein bunter Marktplatz an spannenden Lernthemen, es sei wirklich für ALLES und für JEDE:N etwas dabei. „Wir sind so stolz: hunderte richtig coole Kurse, freie Zeiteinteilung, selbstbestimmtes Lernen!“
Ich freute mich mit ihr - und wartete. Wochen kam dann die erwartete Ernüchterung: Kaum jemand hatte das tolle Angebot wirklich genutzt.
Diese Geschichte steht stellvertretend für eine häufige Verwechslung. Selbstgesteuertes Lernen heißt nicht allein gelassenes Lernen. Es braucht Kompetenzen, die sich erst entwickeln, und es braucht Räume, in denen Menschen sich ausprobieren dürfen.
Lernen, das Selbststeuerung fördert, ist ein Weg, auf dem sich Verantwortung langsam verlagert: von außen nach innen. Ähnlich wie im Dalton-Prinzip des schulischen Lernens, bei dem Kinder lernen, ihre Lernzeit, Themen und Aufgaben zunehmend selbst zu strukturieren.
Hier sind die Stufen des selbstgesteuerten Lernens, die sehr gut dabei unterstützen, Lernreisen passend zu konzipieren.
Stufe 1: Lernen im klaren Rahmen - Trainer:in führt, Lernende folgen
Beispiel:
In einem zweitägigen Präsenzseminar sitzen Menschen, die meist wenig Zeit haben. Sie sind dankbar, dass jemand anders entschieden hat, was, wann und wie gelernt wird. Das Programm steht, die Übungen sind klar, die Trainerin hält den roten Faden.
Fokus:
Hier ist das Lernen stark fremdgesteuert. Der Vorteil: Sicherheit, Orientierung, klare Struktur. Der Nachteil: wenig Eigenverantwortung.
Nutzen:
Wer noch keine Erfahrung im selbstverantwortlichen Lernen hat, bekommt einen Rahmen, um sich später frei bewegen zu können.
Typische Lernformate:
Klassische 2-Tages Seminare, Schulungen, Trainings
Stufe 2: Angeleitete Selbstlernphasen - kleine Schritte in die Eigenverantwortung
Beispiel:
Nach dem Seminar erhalten die Teilnehmenden kurze Selbstlernaufgaben: Ein Reflexionsbogen, ein kurzes Lernvideo, ein Austausch im Forum. Sie entscheiden, wann sie das tun, aber nicht ob.
Fokus:
Die Trainerin bleibt präsent - gibt Rückmeldung, fragt nach, begleitet. Es ist wie das erste Fahrradfahren ohne Stützräder: wackelig, aber mit jemandem, der noch unterstützend nebenherläuft.
Nutzen:
In dieser Stufe beginnen Lernende, ihre Lernzeit zu organisieren und nach und nach die Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu übernehmen.
Typische Lernformate:
Blended Learning: synchron und asynchron. Rund um die Live-Seminare gibt es inhaltlich vorgegebene Selbst-Lernphasen mit Kontrollmechanismen
Stufe 3: Lernprojekte mit Wahlfreiheit - Entscheidungen treffen lernen
Beispiel:
Eine Trainerin in einem Blended-Programm gibt ihren Teilnehmenden drei Projektthemen zur Auswahl: „Gestalte ein Lernmodul, führe ein Mini-Training durch oder entwickle eine eigene Lernstrategie.“
Die Lernenden wählen selbst.
Fokus:
Diese Wahlfreiheit ist ein Schlüsselmoment. Sie fordert in diesem Beispiel heraus, sich zu fragen: Was interessiert mich wirklich? Selbstverantwortliches Lernen entsteht genau hier, in der Verbindung von Freiheit und Orientierung. Beim so genannten Dalton Learning (Konzept für selbstgesteuertes Lernen) wird von „Responsibility and Choice“ gesprochen.
Nutzen:
Die Wahl ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um Verantwortung zu üben.
Typische Lernformate:
Projektlernen in Lernteams oder eigenständig. Oft im Rahmen eines blended Learning Formats (also synchron lernen und Auswahl an vertiefenden Lernthemen)
Stufe 4: Selbstorganisiertes Lernen im Team - Verantwortung teilen
Beispiel:
In einer Learning Community treffen sich Kolleg:innen alle zwei Wochen, um gemeinsam an ihren Lernzielen zu arbeiten. Themen und Zeitpläne bestimmen sie selbst.
Eine Moderatorin begleitet den Prozess, aber die Steuerung liegt bei der Gruppe.
Fokus:
Hier entsteht etwas Neues: kollektive, lernende Selbstorganisation.
Lernende erfahren, dass Selbststeuerung nicht heißt, alles allein zu machen. Sie lernen, Verantwortung zu teilen, für Inhalte, Prozesse und Motivation.
Nutzen:
Durch die Gruppe entsteht Verbindlichkeit, ohne dass sie kontrollierend oder einengend wäre. Hindernisse werden durch den Austausch zur Ressource.
Typische Lernformate:
Learning-Out-Loud, Learning Circles, Lerngruppen ...
Stufe 5: Individuelles, selbstgesteuertes Lernen - die Meisterschaft der Selbstlernkompetenz
Beispiel:
Zurück zum IT-Unternehmen mit der Lern-Academy: Das Modell funktioniert, aber nur für Menschen, die bereits über Selbstlernkompetenz verfügen: Sie wissen, was sie lernen wollen, wie sie am besten lernen, wann sie Zeit dafür finden, wie viel sie sich zumuten können.
Fokus:
Diese Stufe verlangt Selbstkenntnis, Selbstdisziplin und die Fähigkeit, Lernprozesse zu reflektieren.
Wer hier steht, braucht keine äußere Kontrolle mehr, sondern sucht gezielt und v.a. aktiv nach Feedback, nach Anwendung, nach Resonanz.
Nutzen:
Selbstgesteuertes Lernen ist höchst-individuell, autonom, bewusst und aktiv.
Typische Lernformate:
Komplett selbstgesteuertes Lernen, beginnend bei der Wahl der Themen, der Lernquellen, der Lernformate und der Anwendungsbereiche.
Fazit: Selbstgesteuertes Lernen ist eine sich entwickelnde Kompetenz
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Wer Lernende gleich in die völlige Eigenverantwortung überlässt, darf sich nicht wundern, wenn sie überfordert sind und dann gar nicht lernen.
- Selbstgesteuertes Lernen ist kein Leistungsziel, sondern eine Entwicklungsreise.
- Sie beginnt mit Anleitung und endet mit Selbstverantwortung. Dazwischen liegt die Kunst, Vertrauen aufzubauen: in sich als Lernender, in den Prozess, in die eigene Kompetenz.
- Organisationen, die dies ernst nehmen, gestalten Weiterbildungen und Lernräume, die Struktur und Freiheit geben.
- Trainer:innen werden zu Lernbegleiter:innen, L&D zu Möglichmacher:innen.
📈 Wenn Lernende Schritt für Schritt lernen, sich selbst zu steuern, entsteht etwas Kostbares: die Freude, sich selbst als lernfähig zu erleben - und das ist vielleicht die wichtigste Kompetenz überhaupt.
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