Heute gibt es mal wieder etwas für das Präsenz-Training, und zwar ganz ohne KI und ganz analog.
Vor einigen Jahren hing ich zum ersten Mal eine Reihe von Zetteln im Seminarraum auf. Jeder mit kleinen Abrissstreifen unten, so wie man sie manchmal an Laternenmasten oder an Schwarzen Brettern sieht: „Gitarrenunterricht“, „Wohnung zu vermieten“, „Yoga-Kurs“. Nur dass auf meinen Zetteln andere Dinge standen.
Als die ersten Teilnehmenden in den Raum kamen, fanden sie ein Flipchart vor, auf dem sie zur Wahl der Seminarthemen eingeladen wurden. Sie wanderten an der Wand entlang, einige lasen erst einmal still, dann trennte jemand einen Streifen ab. Kurz darauf noch jemand. Und dann begann sich der Raum zu bewegen.
Die Menschen standen immer wieder auf, lasen, entschieden, rissen ab, schauten, was andere gewählt hatten. Noch bevor wir offiziell begonnen hatten, entstand bereits Beteiligung. Seitdem nutze ich sie in Seminaren immer wieder und ganz unterschiedlich. Hier findest du eine Sammlung an Anwendungsmöglichkeiten.
Warum die Methode lernpsychologisch sinnvoll ist
Je nach Einsatz wirkt diese Methode unterschiedlich:
- Sie ermöglicht Wahlfreiheit ohne zu überfordern.
- Die Teilnehmenden kommen in Bewegung.
- Sie fördert die Aufmerksamkeit, weil sie aus dem Rahmen fällt.
- Kleine Handlungen erzeugen aktive geistige Beteiligung.
- Sie braucht wenig Material und Vorbereitung.
- Auch stille Menschen kommen zum Zuge.
- Analog wirkt - gerade jetzt - oft überraschend stark.
7 Ideen für den Einsatz im Seminar
Alle der beschriebenen Methoden habe ich schon oft im Seminar eingesetzt - und für gut befunden :-)
1. Themen wählen lassen statt fixe Agenda präsentieren
Eine meiner liebsten Varianten ist die eingangs beschriebene Agenda-Wahl. An der Wand hängen mehrere Zettel mit möglichen Themen des Seminars. Zum Beispiel bei einem Train-the-Trainer:
- Umgang mit herausfordernden Teilnehmer:innen
- Aktivierende Methoden im Training
- Transfer in den Arbeitsalltag
- Lernen in kurzen Formaten
- Umgang mit Widerstand
Unter jedem Thema befinden sich mehrere Abrissstreifen. Die Regel ist einfach: Jede Person darf maximal drei Streifen abreißen. Nach ein paar Minuten sieht man sehr klar, welche Themen besonders interessieren, und welche weniger. Die meistgewählten Themen werden im Seminar vertieft.
Der Effekt ist bemerkenswert: Die Agenda wird nicht nur präsentiert, sondern sichtbar gemeinsam priorisiert. Und die Teilnehmenden erleben sehr früh, dass ihre Interessen tatsächlich eine Rolle spielen.
2. Thesen wählen, über die in Austausch gegangen wird
Ähnlich funktioniert die folgende Variante, die darauf abzielt, in den Austausch zu gehen. Es kann als Warming up dienen oder als Intro in ein neues Thema.
An der Wand stehen (z.B. bei einem KI-Seminar) Thesen wie:
- Ki macht dumm
- Ohne KI wird Lernen nicht mehr funktionieren
- KI fördert das kritische Denken
- KI schafft Bewusstsein über Menschsein
- KI macht Angst
Die Teilnehmenden reißen zwei Thesen ab, über die sie gerne sprechen möchten. Sie finden sich dann mit den anderen, die ebenfalls daran Interesse haben, zusammen und tauschen sich, z.B. in Kombi mit einer Liberating Structure Methode, aus. Der zweite Abriss-Zettel dient als Backup, falls man sich als einzige:r für die These interessiert.
3. Abreißzettel für den inneren Dialog in Stress-Situationen
Eine Variante, die ich besonders gerne in Trainings zu Stress oder Kommunikation nutze, sind Abreißzettel für den inneren Dialog.
Auf den Zetteln stehen kurze Sätze, die ich mir innerlich in Stress-Situationen sagen kann, zum Beispiel:
- Erst tief Atmen, dann handeln.
- Ich schaffe das!
- Ich darf mir vertrauen!
- Ich bleibe ruhig und gelassen!
- Ich bin gut vorbereitet!
Die Teilnehmenden wählen max. drei Zettel, die sie hilfreich finden, und nehmen sie mit. Sie kommen in genau den Momenten zum Einsatz, in denen es plötzlich stressig wird.
4. Reflexionsfragen, die man sich wirklich stellen möchte
Reflexionsphasen gehören zu den meisten Seminaren, doch nicht jede Frage spricht jede Person gleichermaßen an. Abreißzettel können hier eine kleine, aber wirkungsvolle Veränderung bringen.
An der Wand hängen unterschiedliche Reflexionsfragen:
- Was hat mich heute überrascht?
- Welche Idee möchte ich unbedingt ausprobieren?
- Was passt besonders gut zu meiner aktuellen Situation?
- Was werde ich bewusst anders machen?
Jede Person wählt eine Frage, mit der sie sich näher beschäftigen möchte, z.B. in einer kurzen, stillen Schreibphase oder im Austausch mit anderen (z.B. indem alle durch den Raum gehen und sich mit wechselnden Personen über die Frage austauschen). Die Wahl selbst macht bereits etwas mit der Reflexion: Sie wird deutlich persönlicher.
5. Gesprächsimpulse für spontane Peer-Gespräche
Abreißzettel lassen sich auch wunderbar für Peer-Austausch nutzen. Die Zettel enthalten Gesprächsimpulse wie:
- Eine schwierige Trainingssituation aus meiner Praxis ...
- Ein besonders gelungener Lernmoment ...
- Eine Methode, die bei mir überraschend gut funktioniert hat ...
- Ein Transferproblem, das mich beschäftigt ...
Teilnehmende nehmen einen Zettel und suchen anschließend andere, die denselben oder einen ähnlichen Impuls gewählt haben.
So entstehen kleine Gesprächsinseln im Raum, oft mit sehr lebendigen, praxisnahen Dialogen und Lösungsansätzen.
6. (Team) Stärken sichtbar machen
Eine weitere Variante, die oft eine sehr besondere Atmosphäre im Raum schafft, arbeitet mit Stärken statt mit Fragen oder Themen.
An der Wand hängen Zettel mit verschiedenen Kompetenzen und persönlichen oder Team-Ressourcen, zum Beispiel:
- Klar kommunizieren
- Struktur schaffen
- Gute Fragen stellen
- Zuhören können
- Menschen motivieren
- Ruhe bewahren
- Kreative Lösungen finden
- Komplexes verständlich erklären
Die Teilnehmenden sind eingeladen, eine oder zwei Stärken abzureißen, die sie bei sich oder im Team selbst wiedererkennen oder die sie im Training bewusst einsetzen möchten.
Im nächsten Schritt können sie sich austauschen: Welche Stärke habe ich gewählt und warum? In welchen Situationen hilft sie mir besonders? Wo möchte ich sie im Alltag (oder im Seminar) bewusst einsetzen?
Daran kann noch eine zweite, schöne Aufgabe angeschlossen werden: Teilnehmende geben ihre Zettel später weiter an jemanden, bei dem sie diese Stärke im Laufe des Trainings beobachtet haben. So wird aus einem einfachen Zettel plötzlich ein wertschätzendes Miteinander.
Funktioniert übrigens auch mit dem Thema "Werten" sehr gut.
7. Transfer-Zettel beim Hinausgehen
Eine meiner liebsten Orte für Abreißzettel ist der Ausgang (oder das Treppenhaus) des Seminarraums. Dort hängen am Ende des Trainings Zettel mit Transfer-Impulsen (zusätzlich zu dem, was im Seminar bereits gemacht wurde):
- Ich setze regelmäßig um!
- Ich freue mich darauf, Veränderung zu wagen!
- Ich bitte um Unterstützung bei der Umsetzung!
- Ich erzähle anderen von den Seminarinhalten!
- Ich nehme mir Zeit für die Verarbeitung des Gelernten!
Beim Hinausgehen nimmt jede Person den Zettel mit, den sie besonders motivierend findet. Ein sehr wirkungsvoller Moment, denn durch die Platzierung im Ausgangsbereich, wird auch physisch unterstrichen, dass das Seminar jetzt nicht einfach endet, sondern eine Brücke zum Alltag darstellt.
💡 Beim Zusammenstellen der Einsatzmöglichkeiten kamen mir gleich noch viel mehr Ideen, vielleicht geht es dir ja auch so? Dann schreibe mir gerne ... .
Die digitale Variante
Auch in Online-Seminaren lässt sich das Prinzip der Abreißzettel ganz ok übertragen - richtig begeistert bin ich davon aber nicht, vielleicht fehlt mir aber auch das passende Tool dafür (wer einen Tipp hat, bitte gerne an mich senden).
In digitalen Whiteboards wie Conceptboard, Miro, MURAL oder Padlet kann man eine Wand mit vielen kleinen Zettelstreifen vorbereiten und die Teilnehmenden dürfen zum Beispiel
- drei Zettel löschen,
- drei Zettel verschieben
- oder drei Zettel in einen Bereich „Meine Wahl“ ziehen.
Und obwohl alles digital ist, bleibt der zentrale Effekt erhalten:
Menschen treffen eine kleine Entscheidung und handeln.
Was fehlt, ist die körperliche Aktivität und der periphere Überblick im Seminarraum.
Tipps für die praktische Umsetzung
Wie jede Methode nutzt sie sich bei zu häufigem Einsatz auch ab. Setze sie also dosiert ein.
Kombiniere sie mit anderen Methoden, z.B. den Liberating Structures oder dem Silent Journaling.
Lasse nie mehr als 3 Zettel ziehen, sonst gibt es keine Trennschärfe oder die Wahl wird zu beliebig.
Hänge, wann immer es möglich ist, auch Blanko-Zettel für eigene Fragen oder Themen auf.
Bastle dir eine Vorlage, die du jedes Mal schnell anpassen kannst oder nutze Tools wie das von eBildungslabor (Nele Hirsch): https://zupfzettel.de
Nun wünsche ich viel Freude beim Umsetzen, Experimentieren und Weiterentwickeln! Über Erfahrungsberichte freue ich mich natürlich immer. Schreibe mir einfach: [email protected]
Nachtrag: nachdem dieser Artikel auch auf LinkedIN erschienen ist, fand ich einen Tag später u.s. Bild in meinem Postfach. Dr. Roland Förster hat mit NotebookLM eine Sketchnote Zusammenfassung erstellen lassen. Ich finde das großartig. Zu Roland auf LinkedIN
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