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Geht stolz ohne Anstrengung?

 

Stelle dir vor, ein Alien kommt auf die Erde, weil er von Austronaut:innen im All von diesem Planeten gehört hat und nun mehr über ihn erfahren will. 

 

Eine Sache beschäftigt ihn ganz besonders: Die Menschen scheinen einerseits nie richtig Zeit zu haben, andererseits tun sie etwas, was die Astronaut:innen nie gemacht haben. 

Sie bereiten Essen zu. Essen ist der Ersatz für die kleinen Fläschchen, die die Astronauten in 10 Sekunden geöffnet und geschluckt haben, und dadurch überleben.

 

Auf der Erde nutzen die Menschen diese praktische Möglichkeit nicht. Sie planen das Essen, und zwar für jeden Tag etwas anderes, erstellen daraus eine Einkaufs-Liste, gehen in einen Laden und schleppen all die Lebensmittel nach Hause.

 

Dort beschäftigen sie sich dann oft stundenlang mit der Zubereiten einer Mahlzeit, die in 20min aufgegessen ist. Und danach gilt es, alles wieder wegzuräumen und sauber zu machen. 

 

Jeden Tag. Das erscheint dem Alien sehr ineffizient und unvernünftig. Warum also tun das die Menschen?

Was machst du noch selbst, obwohl es mit (technischer) Unterstützung einfacher ginge?


Ich bin zwar kein Alien, jedoch tauchte diese Frage in den letzten Monaten immer wieder auf. Im Kontext KI, im Kontext der psychologischen Grundbedürfnisse und auch beim Thema Lernmythen. Es scheint dem Menschen eigentümlich zu sein, Dinge zu machen, die Zeit und manchmal auch Anstrengung kosten.

 

Also habe ich in unserer mindCommunity nachgefragt: was tust du, obwohl das mit (technischer) Unterstützung schneller, leichter und sogar besser wäre?

 

Die Ergebnisse:

Ganz weit vorne: KOCHEN

 

Dann mit großem Abstand in folgender Reihenfolge:

  • Putzen
  • Präsentationen gestalten
  • Konzepte erstellen
  • Stricken / Häkeln
  • Texte formulieren
  • und einige andere verstreute Nennungen

Die Antworten beziehen sich auf 34 Rückmeldungen. 🙏 Danke an alle, die sich die Zeit dafür genommen haben.

 

 

Ich würde auch unbedingt noch das INDIVIDUAL REISEN hinzufügen. Natürlich könnte man sich eine Reise ganz wunderbar, von einem Reisebüro zusammenstellen und organisieren lassen. Da wäre man natürlich auf der sicheren Seite.

 

Doch für mich lebt eine Reise in ein fernes, fremdes Land genau davon, Hindernisse zu bewältigen, Routen auszutüfteln, Pläne zu machen und wieder zu verwerfen. Auch unbezahlbar: das Kribbeln im Bauch, ob man auch wirklich im richtigen Bus sitzt (weil niemand englisch kann und man die nonverbale Kommunikation so oder so deuten könnte). 

Die Lust am Tun: Warum Anstrengung, Echtheit und Selbstwirksamkeit so erfüllend sind

Ich habe die Antworten, die auf die Frage, WARUM sie diese Dinge lieber selbst tun, geclustert und versucht, sie mit wissenschaftlichen Erkenntnisse zu verbinden.

 

1. Die Bedeutung von Anstrengung & verzögerte Belohnung

„Ohne Fleiß kein Preis“ ergibt neurobiologisch tatsächlich Sinn und Anstrengung muss kein notwendiges Übel sein, sondern ein zentraler Bestandteil von Motivation. Warum ist das so? Dopamin wird besonders dann ausgeschüttet, wenn Anstrengung und Zielerreichung miteinander verknüpft sind, nicht bei reiner Bequemlichkeit. Schnelle, externe Lösungen liefern zwar kurzfristige Belohnung, erzeugen aber selten echtes Befriedigungsgefühl. 

 

2. Selbstwirksamkeit statt bloßer Stolz

Wenn Herausforderungen das Selbstvertrauen wirklich verändern, dann lohnt es sich, einen Blick auf "Stolz" zu werfen. Stolz kann vieles bedeuten. Die Zitate zeigen jedoch deutlich:

Das bedeutsamste Erleben ist nicht das freudige „Ich habe etwas geschafft“, sondern das tiefere Gefühl von Selbstwirksamkeit.

 

Dieses entsteht fast ausschließlich bei anspruchsvollen Aufgaben, bei denen Zweifel bestanden und überwunden wurden. Die Erfahrung „Ich kann mehr, als ich dachte“ erhöht nicht nur den Selbstwert, sondern vor allem die Selbstgewissheit – also das Wissen darum, was man sich künftig zutrauen darf.

 

3. Echte Lernaufgaben als Quelle von Resilienz

Schwierigkeit kann stark machen, das zeigt u.a. das Konzept der desirable difficulties. Echte Lernaufgaben sind weder sofort lösbar noch schnell belohnend. Gerade das macht sie so wirksam.

 

In Pädagogik, Sucht- und Gewaltprävention gilt seit Langem:

Langfristige, anspruchsvolle Bewältigungsprozesse

stärken Ich-Struktur, Frustrationstoleranz und Resilienz

während schnelle Belohnungssysteme diese eher untergraben (Danke Kerstin für den Hinweis!). 

 

Die Erfahrung, Herausforderungen aus eigener Kraft zu bewältigen, wirkt also stabilisierend - emotional, sozial und motivational.

 

4. Flow & Freude am Tun

Flow entsteht dann, wenn der Prozess selbst zur Belohnung wird.

Viele beschriebene Tätigkeiten, z.B. Kochen, Konzipieren, Handarbeiten, Bewegung, führen in einen Flow-Zustand. Dieser entsteht, wenn Können und Herausforderung in Balance sind.

Charakteristisch ist:

  • hohe Konzentration
  • Verlust von Zeitgefühl
  • intrinsische Freude

Wichtig dabei: Es geht nicht primär um das Ergebnis. Die Tätigkeit selbst wirkt regulierend, ausgleichend und sinnstiftend,  besonders als Gegenpol zu kognitiv dominierten Arbeitsformen.

 

5. Echtheit, Körperlichkeit & eigenes Können

Selbstgemachtes bedeutet mehr als perfekte Ergebnisse, denn 

„Selbst gemacht“ steht hier für mehr als ein Ergebnis. Es bedeutet:

  • persönliche Handschrift
  • körperliches Erleben
  • implizites Wissen und Gefühl für Dinge

Technische Hilfsmittel werden genutzt, aber nicht als Ersatz für eigenes Denken und Tun verwendet. Denn wer alles delegiert, riskiert, genau das zu verlieren, was langfristig stolz macht: das eigene Können, das eigene Gespür, die eigene Beziehung zur Tätigkeit.

Fazit

Diese fünf Aspekte haben eine Gemeinsamkeit:

Erfüllung entsteht nicht durch Abkürzung, sondern durch Beteiligung und Erleben von Selbstwirksamkeit. Dann ist affektiver Stolz möglich und genau dieses Gefühl brauchen wir alle immer wieder.

 

Dieses menschliche, psychologische Bedürfnis dürfen wir auch bei den Überlegungen rund um KI-Einsatz nie vergessen.

 

👽 Übrigens: Der Alien wurde von netten Menschen zum Kochen eingeladen, durfte einkaufen gehen, bei der Zubereitung helfen und schließlich das Essen genießen. Es überraschte ihn sehr, wie viel Freude ihm diese "unsinnigen" Tätigkeiten machen und nimmt sich fest vor, diese auch mit seinen Alien-Freunden zu praktizieren - die werden überrascht sein!